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Weil Demokratie und Rechtsstaat nicht selbstverständlich sind: Projekt „Rechtsstaat macht Schule“ in der Region Heilbronn

Datum: 06.05.2026

Kurzbeschreibung: Landgericht Heilbronn koordiniert das Projekt und bringt Schülerinnen und Schülern Aufgaben der Polizei und Justiz näher

[Pressemitteilung Nr. 07/2026 vom 06.05.2026]



Am 27. April 2026 war es wieder so weit: Das Projekt „Rechtsstaat macht Schule" ging an der Realschule Obersulm in eine neue Runde. Die 27 Schüler der Klasse 8b hatten ab den frühen Morgenstunden Gelegenheit, unter Anleitung erfahrener Dozenten wie Richter am Oberlandesgericht Jan Spoenle und Polizeihauptkommissar Dominik Widmayer vom örtlichen Polizeiposten Obersulm einen interessanten Einblick in die typische Arbeit der Justiz und der Polizeibehörden zu gewinnen.



Foto ©Landgericht Heilbronn 2026, frei zur kontextbezogenen Verwendung

 

Auf dem Programm standen neben ersten informativen Vorträgen zur Arbeit in den genannten Justizbereichen auch die Bearbeitung kleinerer Rechtsfälle, bei denen die Schüler alltägliche Polizei- und Gerichtsarbeit eigens leisten konnten. Vom versuchten Nagellack-Diebstahl im Drogeriemarkt über ein von Fäusten begleitetes Gerangel zwischen Schülern auf dem Schulhof bis hin zu einer auch in sozialen Netzwerken verbreiteten Fotomontage eines Schülers – in all diesen Szenen durften die Schüler Handlungsmöglichkeiten der Polizei überlegen, die rechtlichen Hintergründe beleuchten und in klassischer juristischer Tätigkeit originale Paragraphentexte zu Diebstahl und Raub, Beleidigung oder Verbreitung von Bildnissen nach dem Kunsturhebergesetz entschlüsseln. Was ist ein Verbrechen, wer ist Anstifter oder Gehilfe, wie viele Richter entscheiden über einen Rechtsfall und was tragen Polizeibeamte eigentlich für eine Dienstwaffe? Antworten auf all diese Fragen lieferte das Dozentenduo und verstand es dabei, den jungen Menschen nicht nur die alltägliche Arbeit der Justiz näherzubringen, sondern zugleich Bewusstsein zu schaffen für die Grundfesten des Rechtsstaats und der Demokratie, der Unabhängigkeit der Gerichte und gesetzlicher Handlungsvorgaben.

Richter am Oberlandesgericht Jan Spoenle ist Dozent der ersten Stunde des Projekts. Damals noch am Heilbronner Landgericht tätig, blieb er dem Projekt auch nach seinem Wechsel in die Landeshauptstadt treu und ist aktuell eigens an durchschnittlich zehn Schulen im Schuljahr mit mehrtägigen Veranstaltungen unterwegs. Er betont: „In Zeiten, in denen im öffentlichen Diskurs zunehmend Hass und Hetze gesät werden, staatliche Institutionen angegriffen werden und unser Rechtssystem immer häufiger auf die Probe gestellt wird, ist es wichtiger denn je, den Rechtsstaat und die Werte unserer Verfassung zu verteidigen. Dafür braucht es junge Menschen, die bereit sind, sich für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung einzusetzen und zu engagieren. Wir schaffen mit dem Projekt „Rechtsstaat macht Schule“ nicht nur einen ersten berufsorientierenden Einblick in die Justiz, sondern bauen bewusst darauf, das Verständnis für die Demokratie und die Wertschätzung der rechtsstaatlichen Errungenschaften zu stärken.“

Damit die Schülerinnen und Schüler nicht nur theoretische Einblicke und Gedankenspiele erleben, durften sie im letzten Teil der Veranstaltung schließlich selbst in die Rolle eines Staatsanwalts, Verteidigers oder auch Angeklagten schlüpfen und eine typische Hauptverhandlung in Strafsachen vor dem Jugendschöffengericht, selbstverständlich begleitet von den Dozenten in Robe und Polizeiuniform, nachspielen. Staatsanwalt Laurin zeigte sich wenig nachsichtig: Zwei Zehntklässler haben auf dem Schulhof einen Achtklässler herumgeschubst, mit Fäusten traktiert und teure Kopfhörer weggenommen. Über den Anklagevorwurf des Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verhandelt nun die Klasse 8b. Es werden Zeugen gehört, der polizeiliche Vernehmungsbeamte Widmayer berichtet von den Ermittlungen, der Geschädigte, gespielt von Leo, vermag sich plötzlich gar nicht mehr so an die Vorgänge erinnern und will eigentlich keinen Streit mit den Jungen, die Jugendgerichtshilfe Tessa weiß die familiäre Situation und persönliche Entwicklung der Angeklagten einzuordnen. Verteidiger Cindy und Paul-Luca verstehen ihr Handwerk: „Es hat niemand gesehen, dass Jonas von den Angeklagten geschlagen wurde. Vielleicht hat er sich Verletzungen beim Stoß gegen eine Mauer zugezogen. Wir plädieren deshalb auf Freispruch.“. Konsequent bleibt ein Angeklagter im letzten Wort: „Ich war´s nicht!“. Schließlich zieht sich die Kammer zurück. Nach kurzer Pause fällt sie ihr Urteil: Vorsitzender Jan Spoenle und die Schöffen Phil und Svenja sehen den Tatnachweis geführt und verhängen 50 Arbeitsstunden, zu leisten in einem Pflegeheim, ein Schmerzensgeld von 500,- EUR, die Teilnahme an einem Antiaggressionstraining und schließlich die weitere Auflage, eine wenigstens dreiseitige schriftliche Entschuldigung der Angeklagten gegenüber dem Opfer abzufassen. Dabei ist das Ergebnis des Rollenspiels völlig offen. „Wir erleben hier ganz unterschiedliche Verfahrensabläufe, mal befragen die Beteiligten in der Verhandlung intensiv die Angeklagten und Zeugen, mal werden völlig neue Verteidigungsstrategien entwickelt oder neue Themenkreise aufgetan, die ein Verhalten rechtfertigen sollen.“, berichtet Polizeihauptkommissar Dominik Widmayer. „Wichtig ist uns, dass die Schülerinnen und Schüler hier Justiz selbst erleben, mitdenken und – vor allem - sich einbringen. Denn jeder zählt, damit der Staat in seiner jetzigen Form so weiter besteht und funktioniert.“. Das bewusst ergebnisoffene Rollenspiel weckt die Mitarbeit der jungen Menschen, reflektiert erlernte Abläufe und schafft ein tieferes Verständnis und Bewusstsein für die Rechtsanwendung ohne zwingende Entscheidungsvorgaben für den Einzelfall zu machen. Das ist erlebter Rechtsstaat.

Auch die den Projekttag begleitende Lehrerin Katrin Miller sieht das Projekt als Gewinn für die Schüler und tolle Ergänzung zu den Demokratiethemen im Gemeinschaftskundeunterricht. „Wir nutzen das Projekt nun im zweiten Jahr für unsere Achtklässler und möchten das auch künftig wieder integrieren. Das Berichten der täglichen Gerichts- und Polizeiarbeit aus dem Munde echter Berufsträger und auch das gemeinsame Erarbeiten und rechtliche Einordnen von ganz schülernahen Situationen motiviert die Schüler, sich über die für uns alle selbstverständlichen Abläufe Gedanken zu machen und sich mehr mit dem Thema Rechtsstaat und dessen Bedeutung für den Einzelnen auseinanderzusetzen.“

Das Projekt „Rechtsstaat macht Schule“ machte damit erneut die Arbeit der Justiz- und Polizeibehörden für Schülerinnen und Schüler eingebunden in den schulischen Alltag zugänglich. Die Dozenten berichten von durchgängig hervorragenden Rückmeldungen der beteiligten Schulen und freuen sich darauf, regelmäßig zum Wiederholungstäter zu werden.

 

Zum Hintergrund:

Das Projekt "Rechtsstaat macht Schule" ist ein zentral entwickeltes Konzept des Ministeriums der Justiz und für Migration Baden-Württemberg, welches begleitet von zentral geschulten Berufsträgern der Gerichte und der Polizei in der örtlichen Schule an einem Schultag stattfindet. Schülerinnen und Schüler erhalten zu den Vorträgen, fallbasierenden Gesprächsrunden und dem Rollenspiel zusätzliches Informationsmaterial.

Projektkoordinator und Vizepräsident des Landgerichts Dr. Bodo Mezger berichtet von stetig steigendem Interesse an der Veranstaltung: „Die Zahl der Anfragen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Während das Projekt im Schuljahr 2024/2025 an 12 Schulen stattfand, sind wir im aktuellen Schuljahr 2025/2026 bereits an 17 Schulen zu Gast. Die Anfragen erreichen uns aus dem gesamten Landgerichtsbezirk, von Eppingen bis Bühlertann, von Mulfingen bis Vaihingen an der Enz. Pro Schule nehmen meist 2 bis 4 Schulklassen derselben Jahrgangsstufe teil, sodass wir im laufenden Schuljahr bereits über 1.000 Schülerinnen und Schüler erreichen. Klassischerweise wird das Projekt in den Unterricht der Mittelstufe und dabei schwerpunktmäßig in die Jahrgangsstufen 8 bis 10 integriert. „Rechtsstaat macht Schule“ ist unabhängig vom Schulmodell möglich - von Berufsschule bis Gymnasium ist alles vertreten und gerne willkommen. Dank steigender Dozentenzahlen - im Moment besteht der Heilbronner Pool der Justizdozenten aus 18 engagierten Kolleginnen und Kollegen der Richter- und Staatsanwaltslaufbahn - konnten wir bislang alle Projektwünsche erfüllen, zumal die Polizeipräsidien als unsere zentralen Partner das Projekt „Rechtsstaat macht Schule" aktiv mitbegleiten und stets sehr engagierte und fachkundige Co-Referenten zur Verfügung stellen." 

Ziel des Projekts ist es, junge Menschen für die Arbeit der Justiz zu sensibilisieren und bestenfalls zu begeistern. Mit dem Projekt „Rechtsstaat macht Schule" wird ein wichtiger Schritt in Richtung einer besseren Verständigung zwischen Justiz und Gesellschaft unternommen.

Das Projekt ist umfänglich dargestellt und illustrativ beschrieben auf der Webseite des Ministeriums für Justiz und für Migration Baden-Württemberg via https://jum.baden-wuerttemberg.de/de/justiz/justizpruefungsamt/rechtsstaat-macht-schule. Bei Interesse können Lehrkräfte gerne Anfragen für die Region Heilbronn und Umgebung richten an poststelle@LGHeilbronn.justiz.bwl.de.


Morgenstern
Pressesprecherin


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